01.07.26 – Interview mit Ingeborg Maria Lang von CIMA

Innenstädte: „Der Laden allein reicht oft nicht mehr“

Ingeborg Maria Lang, Head of Urban Transformation bei CIMA, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Zukunft von Innenstädten. Ihr Ansatz lautet: Nicht retten, sondern neu denken. Was sie damit meint, erläutert sie im Interview mit stil & markt.

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Ingeborg Maria Lang, Head of Urban Transformation bei CIMA. © CIMA

 
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Orte zum Sitzen, Cafés, Kultur, Veranstaltungen und mehr: Diese Faktoren zahlen auf eine lebendige Innenstadt der Zukunft ein. © generiert mit KI Copyright Maria Vitkovska-AdobeStock

 

stil & markt: Frau Lang, Sie sagen, Innenstädte soll man nicht retten, sondern neu denken. Was genau ist aus Ihrer Sicht heute „nicht mehr rettbar“ – und was muss hinterfragt werden?

Ingeborg Maria Lang: Was wir nicht mehr zurückbekommen, ist die Innenstadt der 90er- und frühen 2000er-Jahre. Also diese Vorstellung, dass Menschen automatisch zum Einkaufen in die Stadt fahren und der Einzelhandel fast alles trägt. Das funktioniert heute nicht mehr so. Die Menschen kaufen anders ein. Vieles läuft online, oft spontan nebenbei vom Sofa aus. Deshalb reicht es nicht mehr, einfach nur Geschäfte aneinanderzureihen und auf Frequenz zu hoffen.

Und ehrlich gesagt merken wir das ja auch selbst: Niemand fährt heute noch nur wegen eines Pullovers in die Innenstadt. Menschen wollen heute mehr. Sie wollen Atmosphäre, Begegnung, etwas erleben oder einfach gerne dort sein. Deshalb müssen wir Innenstädte stärker vom Menschen aus denken und nicht nur aus Sicht von Verkaufsflächen oder Immobilienrenditen.

Gute Innenstädte der Zukunft fühlen sich lebendig an. Man hält sich dort gerne auf. Es gibt Orte zum Sitzen, mehr Grün, Cafés, Kultur, Veranstaltungen und auch Räume, in denen man nichts konsumieren muss. Und am Ende geht es eigentlich um eine einfache Frage: Warum sollte ich heute noch in die Innenstadt gehen? Wenn wir darauf keine gute Antwort haben, wird es schwierig.

 

stil & markt: Stationärer Handel bleibt laut Ihnen zentral – aber nur im Zusammenspiel mit Erlebnis und neuen Nutzungskonzepten. Welche dieser Formate funktionieren in der Realität bereits?

Ingeborg Maria Lang: Die erfolgreichen Formate heute verkaufen eigentlich gar nicht mehr nur Produkte. Sie schaffen vor allem Erlebnisse, Atmosphäre und emotionale Bindung sowie Zughörigkeit. Der klassische Point of Sale wird immer stärker zum Point of Experience. Die Formate funktionieren gut, bei denen Menschen gerne Zeit verbringen. Der Laden allein reicht oft nicht mehr. Man sieht das zum Beispiel bei Konzepten wie „ARKET“ oder „Kauf Dich Glücklich“. Dort gehen viele Menschen auch wegen der Atmosphäre hin. Man trinkt noch einen Kaffee, bleibt länger, schaut sich um. Das fühlt sich weniger nach „Einkauf erledigen“ an. Oder nehmen wir Globetrotter. Dort kann man Produkte ausprobieren und erleben. Genau das kann der Onlinehandel eben nicht. Das ist ein wichtiger Punkt: Menschen suchen heute wieder mehr echte Erlebnisse und Orte, die sich gut anfühlen.

Auch Community-Angebote funktionieren gut. Sportkurse, Kochsessions, kleine Events oder Workshops, in denen ich mit den angebotenen Waren etwas selbst und eigenes herstelle, schaffen Bindung. Gerade jüngere Zielgruppen wollen oft nicht nur konsumieren, sondern Teil von etwas sein.

Der Handel bleibt wichtig, auch für unsere Innenstädte. Aber eben nicht mehr nur als reine Verkaufsfläche, sondern als Teil eines lebendigen urbanen Erlebnisses. Menschen brauchen heute einen echten Grund, ihre Wohnung zu verlassen. Genau diesen Grund müssen Innenstädte wieder stärker bieten.

 

stil & markt: Hybride Handelsmodelle gelten als Zukunftsformel. Welche Kombinationen aus digital und stationär haben wirklich Potenzial?

Ingeborg Maria Lang: Die Menschen wollen vor allem, dass der Einkauf unkompliziert funktioniert. Das Smartphone gehört heute ganz selbstverständlich zum Einkauf dazu. Es wird im Laden nicht plötzlich ausgeschaltet oder weggesteckt, sondern ist das Bindeglied. Die Menschen informieren sich parallel online, vergleichen Preise, lesen Bewertungen oder schicken ihren Freunden Bilder von Produkten, die sie testen oder anprobieren. Gemeinsam entscheiden sie per Videocall über den Kauf des Produkts in der richtigen Farbe oder dem richtigen Design. Digital und stationär verschmelzen also längst miteinander.

Gut funktionieren deshalb Modelle, die den Einkauf einfacher machen: Ich schaue mir ein Möbelstück im Laden an, lasse mich beraten und bekomme es später nach Hause geliefert. Oder ich reserviere etwas online und probiere es vor Ort an.

Auch digitale Services können hilfreich sein, wenn sie den Alltag wirklich erleichtern. Etwa aktuelle Verfügbarkeiten, einfache Bezahlsysteme oder digitale Gutscheine. Kennen Mitarbeitende im Laden beispielsweise bereits die Interessen eines Kunden, kann die Beratung viel individueller und relevanter werden. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um echte Servicequalität und Wertschätzung.

Außerdem trägt die Verknüpfung von physischem Erleben und digitaler Logistik zum Erfolg bei: Ich teste das Produkt im Laden, bezahle kontaktlos vor Ort und am Abend liegt das Paket vor meiner Haustür. Das entlastet die Kunden vom Tütenschleppen und die Händler von der Notwendigkeit riesiger Lagerflächen in teuren Innenstadtlagen.

Das dritte Thema ist Technologie. Was oft nicht funktioniert, sind technische Spielereien ohne echten Nutzen. Viele Händler investieren viel Geld in komplizierte Lösungen, die am Ende kaum jemand verwendet, wie z.B. eigens entwickelte Apps, die dann nicht funktionieren. Die Menschen wollen keinen Technik-Zirkus. Sie wollen einfach einen angenehmen und unkomplizierten Einkauf.

 

stil & markt: Viele Kommunen leiden unter Leerstand und begrenzten Budgets. Wie realistisch ist Ihre Vision des „lebendigen Begegnungsraums“ unter diesen Voraussetzungen? Was sollten Kommunen als Erstes anpacken?

Ingeborg Maria Lang: Gegenfrage: „Wie würde die Innenstadt aussehen, wenn wir alles richtig machen würden?“ Solange wir diese Frage nicht beantworten können, können die Kommunen auch nicht zielgerichtet handeln. Denn wenn Politik, Verwaltung, Eigentümer, Handel und Bürgerschaft in unterschiedliche Richtungen arbeiten, entsteht am Ende wenig Wirkung.

Wenn wir die Transformation der Innenstädte jedoch mit einer klaren und vor allem gemeinsamen Zukunftsvision angehen, verwandeln wir sie von einem Ort, den man besuchen muss, in einen Ort, den man besuchen will. Dabei ist es wichtig, nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vorbeizuplanen. Deshalb finde ich Beteiligung so wichtig. Die Menschen vor Ort wissen meist ziemlich genau, was fehlt und was funktionieren könnte.

Die Kommunen sind hier in erster Linie dafür zuständig, zu moderieren, zu ermöglichen und Regie zu führen. Wir müssen uns erst einmal davon lösen, dass die Entwicklung der Innenstadt allein Aufgabe der Kommune ist. Die Innenstadt ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Verwaltung, Bürgern und weiteren Stakeholdern.

Außerdem ist es elementar, dass die Kommunen die Eigentümer an einen Tisch holen. Wenn große Fonds oder private Vermieter utopische Mieten verlangen oder ihre Flächen einfach nicht vermieten, weil es zu aufwendig ist, dann ist die Moderation der Stadt gefragt. Lieber eine geförderte, günstige Zwischennutzung für Pop-ups, Start-ups oder Kulturprojekte als einen monatelangen Verfall. Hier hilft ein aktives Leerstandsmanagement, das als „Datingplattform“ zwischen Raum und Idee fungiert. Und man muss nicht immer sofort die große Millionenlösung haben. Oft machen gerade die kleinen Veränderungen einen Unterschied: mehr Sitzmöglichkeiten, etwas Grün und schattige, ruhige und saubere Plätze, Außengastronomie einfacher genehmigen.

Grundsätzlich können Städte auch selbst aktiv werden, beispielsweise indem sie ein Vorkaufsrecht wahrnehmen und eine eigene Immobilienstrategie verfolgen. Das ist jedoch oft finanziell schwierig und sollte aus meiner Sicht eher der allerletzte Schritt sein. Die hessische Stadt Hanau hat sich beispielsweise konsequent für diesen Schritt entschieden – mit Erfolg.

 

stil & markt: Was bedeutet Ihr Ansatz ganz konkret für Händler? Welche Investitionen sind nötig – und wo verbrennt man schnell Geld?

Ingeborg Maria Lang: Menschen entscheiden innerhalb weniger Sekunden, ob sie einen Laden sympathisch finden oder nicht. Deshalb lohnen sich Investitionen in Atmosphäre fast immer. Gutes Licht, eine ansprechende Schaufenster- und Ladengestaltung, Begrünung oder auch einfach ein freundlicher persönlicher Empfang machen viel aus. Auch die digitale Sichtbarkeit ist heute extrem wichtig. Wenn ein Geschäft bei Google nicht aktuell gepflegt ist oder online praktisch nicht stattfindet, wird es schnell unsichtbar.

Am wichtigsten bleibt aus meiner Sicht aber das Personal. Gute Beratung, Freundlichkeit und echte Aufmerksamkeit kann der Onlinehandel nicht ersetzen. Womit man dagegen schnell Geld verbrennt: komplizierte Technik ohne echten Mehrwert oder teure Werbung nach dem Gießkannenprinzip.

Viele Menschen wünschen sich heute keine perfekte Hochglanzwelt. Sie suchen eher Läden mit Persönlichkeit, guten Produkten und echter Atmosphäre. Und genau darin liegt aus meiner Sicht auch die Chance für den stationären Handel.

 

Zur Person

Ingeborg Maria Lang leitet das Frankfurter Büro der CIMA Beratung + Management GmbH. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Zukunft von Innenstädten, Handel und Stadtentwicklung. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage, wie sich Innenstädte durch verändertes Konsumverhalten, Onlinehandel, demografischen Wandel und neue Anforderungen an Aufenthaltsqualität verändern.

In der Stadt- und Quartiersentwicklung verfolgt sie einen systemischen Ansatz und betrachtet Innenstädte nicht isoliert, sondern als Zusammenspiel aus Handel, Gastronomie, sozialem Leben, Mobilität, Wohnen, öffentlichen Räumen und lokalen Akteuren. Sie begleitet Kommunen, Handelsakteure und Institutionen bei Innenstadtstrategien, City-Studien, Beteiligungsprozessen und Nutzungskonzepten.